Angespielt: Rage — Wütend sind primär PC-Spieler

Von Witold Pryjda am 10.10.2011 14:27 Uhr
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Wir haben id Softwares Rage angespielt - allerdings nicht ohne zuvor stundenlang mit der Installation verbracht zu haben. Der Shooter bietet atemberaubende Optik, ganz ordentliches Gameplay und eine nicht vorhandene Handlung.

"Großes texanisches Unterhaltungs-Software-Unternehmen sucht dringend Autoren, die Storys erzählen, Emotionen wecken und Spannung aufbauen können. Erfahrungen in Firmen wie BioWare oder Rockstar sind wünschenswert..."

Diese Stellenausschreibung sollte id Software unbedingt veröffentlichen, bevor man die Arbeit am nächsten Spiel beginnt. Ansonsten wiederholt sich das, was (wieder einmal) in Rage gut zu sehen ist: Die Doom- und Quake-Macher machen zwar grafisch opulente, ja bahnbrechende Shooter, die aber weniger Seele haben als ein Ziegelstein.

Rage - Cinematic Intro
Dabei beginnt es ja ganz gut: Ein Render-Video zeigt uns den Schicksal der Menschheit nach dem Einschlag eines riesigen Meteoriten. Einige wenige Auserwählte werden mit Hilfe von allerlei Maschinen vorbereitet und in Cryo-Schlaf versetzt.

100 Jahre später geht die unterirdische Rettungskapsel wieder auf, man selbst krabbelt als einziger Überlebender heraus. Zunächst blendet einen das grelle Tageslicht, nach wenigen Sekunden sieht man eine atemberaubende Wüsten- und Canyon-Landschaft vor sich. Doch plötzlich wollen einem Gestalten mit angepinselten Gesichtern an den Kragen. Die werden allerdings niedergeschossen, ein Buggy fährt vor, der Fahrer, der sich später als Dan Hagar vorstellt, winkt einem zu und fordert zum Einsteigen auf.

Rage id Software
Rage bietet fantastische Grafik. Wenn man sie erstmal zum Laufen gebracht hat

Matsch statt Texturen
Das Drama beginnt. Damit ist aber nicht die "spannende" Story gemeint, sondern die Grafik. Denn spätestens jetzt merkt man: Rage hat Probleme. Ernste Probleme. Vor allem mit dem Nachladen von Texturen. Selbst auf leistungsfähigen Systemen dauert es eine gefühlte Ewigkeit, bis auf dem Grafik-Matsch die korrekte Oberflächen-Textur erscheint. Betroffen sind beide gängigen Grafikkartensysteme, das Problem tritt sowohl bei ATI, als auch bei Nvidia auf.

Für unzählige Käufer war das Spiel die ersten Tage lang praktisch unspielbar (und ist es teils immer noch). Relativ schnell tauchten in Foren die ersten Lösungen auf. Dazu zählte beispielsweise das Downgrade auf ältere Treiber (bei ATI etwa: Catalyst 11.6), das Erstellen eines Cache-Ordners (was id offenbar "vergessen" hat) oder einer speziellen "rageconfig.cfg"-Datei.

Rage id Software
Nette Abwechslung, aber nicht mehr: die Fahr-Passagen mit Buggys

Inzwischen ist über Steam der erste große Patch erschienen. Dieser behebt viele, wenn auch nicht alle Probleme von Rage. Viele davon hängen laut id Software mit den Treibern zusammen, man arbeitet derzeit intensiv mit AMD und Nvidia an Lösungen. Manche Nutzer berichten aber auch, dass der Patch die Sache sogar "verschlimmbessert" hat.

Grafik statt Handlung
Hat man Rage erstmal zum Laufen gebracht, dann erwartet den Spieler eine Grafikpracht, die, wie bereits erwähnt, atemberaubend ist. Eine schier unglaubliche Weitsicht, optisch stimmig, man spürt den Wüstensand praktisch zwischen den Zähnen. Der namenlose Held fährt mit Dan Hagar in dessen kleine Siedlung, wo neben Händler und Automechaniker auch die ersten Aufträge warten.

Rage - Die ersten 13:37 Minuten des Spiels
Was folgt ist eine Mischung aus Fallout 3 (minus Ironie und Atmosphäre) und Borderlands (minus Comic-Optik und Rollenspiel-Elemente). Die Handlung, wenn man sie überhaupt als solche bezeichnen kann, plätschert in Folge an einem vorbei, es ist eben das übliche Mad-Max-Endzeit-Szenario.

Beim Gameplay hat Rage zwei zentrale Elemente: Ballern und mit Buggys durch die Gegend rasen. Was das letztere betrifft, so ist es zwar praktisch, gleich von Beginn an weite Strecken motorisiert überqueren zu können, wirklich Spaß macht das aber nicht. Man fährt meist nur von A nach B, wo dann eine recht lineare Shooter-Passage auf einen wartet. Das ist anfangs zwar kurzweilig, erweist sich aber nach einiger Zeit als nerviges Beiwerk.

Rage id Software
Ganz id-typisch: Die Shotgun ist besonders wirkungsvoll

Shooter statt Schnickschnack
Abgesehen davon ist Rage durch und durch ein Shooter. Die Kämpfe spielen sich flott, die Gegner-KI ist zwar rudimentär vorhanden, von optimal ist sie aber auch ganz schön weit entfernt. So muss man oft genug dem Gegner nur zuwinken und hinter einer Ecke verschwinden. Dann wartet man bis der Kontrahent einem hinterher rennt und begrüßt ihn mit der Schrotflinte, wenn er plötzlich auftaucht. Das macht zwar Spaß, eine Herausforderung sind die Kämpfe aber nur selten.

Als erste von insgesamt sechs Fraktionen kommen einem die Ghosts vor die Knarre, später hat man es dann auch noch mit den Wasted, den Shrouded, den Jackals, der Regierung und den Mutanten zu tun. Jede Fraktion hat natürlich nicht nur ein ganz eigenes Aussehen, sondern auch typische Bewaffnung bzw. Kampfstil. Eine Herausforderung sind allerdings vor allem die Regierungs-Kämpfer, die gut gepanzert sind und Energieschilde besitzen. Zum Glück gibt es im Spiel aber EMP-Granaten, mit denen man diese Schilde knacken kann.

Rage id Software

Recht unterhaltsam ist das Verbessern der (insgesamt acht Haupt-) Waffen. Zunächst trägt man das typische Shooter-Arsenal wie Pistole, Minigun, Schrotflinte oder Raketenwerfer mit sich rum. Die können allerdings aufgerüstet werden. Aber nicht durch Upgrades an der Waffe selbst, sondern durch neue Munition. Lädt man beispielsweise Elektro-Munition in die Knarre und schießt auf einen im Wasser stehenden Gegner, dann passiert das, was wir von der Kombination Badewanne und Haartrockner her (bzw. hoffentlich nicht) kennen. Die neue Munition lässt sich mit Hilfe von Bauplänen, die man im Verlauf des Spieles findet, zusammenbasteln.

Rage id Software
Rage bietet solide Shooter-Action, aber nicht mehr

Fazit:
Die Singleplayer-Kampagne dauert etwa zehn bis zwölf Stunden - wer "Glück" hat, ist mit dem Spiel locker die doppelte Zeit beschäftigt. Nämlich mit dem Durchforsten von Foren, Ausprobieren von Workarounds und Installieren unterschiedlichster Treiber.

Für eine Firma wie id Software, die mit PC-Spielen groß geworden ist, ist das höchst peinlich. Vor allem deshalb, weil die Schwierigkeiten nicht bloß einige wenige Käufer der PC-Fassung betreffen. Die Schuld auf die Treiber zu schieben, ist eine ganz billige Ausrede. Das nämlich hat id-Chef John Carmack gegenüber 'Kotaku' getan. In einem Interview bezeichnete der legendäre Entwickler den Start von Rage als "Clusterfuck": "Wir hatten Problemen mit Videotreibern, die Frustration bei unseren PC-Fans ausgelöst haben. Jeder bei id Software regt sich über diese Probleme auf, auch wenn sie größtenteils nicht von uns beeinflussbar sind", so Carmack. Da fragt man sich schon, mit welchen Treibern (aus der Zukunft?) id eigentlich im Vorfeld getestet hat.

Abgesehen von den technischen Schwierigkeiten kann man nur wiederholen, was für so viele Spiele der Doom-Macher gilt: Außen hui, innen pfui. Denn so beeindruckend die Grafik auch ist: Spielerisch bewegt man sich nur im Mittelfeld, von der Handlung her sogar am unteren Ende der Skala.

Rage im WinFuture-Preisvergleich: PC, PS3, Xbox 360
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