Software-Rollout in Gesundheitsämtern technischer & politischer Zirkus

Von John Woll am 18.03.2021 17:08 Uhr
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Die Open-Source-Software Sormas soll zwischen Gesundheitsämtern endlich ein effektives Netz knüpfen. Während das Bundesministerium verdrehte Erfolge vermeldet ist der Alltag in den Ämtern düster. Es fehlt an Erfahrung für die Einführung, Support ist praktisch nicht vorgesehen.

Von oben beschlossen, um die Umsetzung kümmern sich andere

Kontaktverfolgung ist eines der wichtigsten Mittel im Kampf gegen Corona, die Open-Source-Software Sormas gilt hier als bewährtes, schlagkräftiges Werkzeug, die das Nachvollziehen von Infektionswegen deutlich effektiver machen würde. Löblich, dass Deutschland hier be­schloß, alle Gesundheitsämter bis Ende Februar 2021 auf das Programm umzustellen.

Gut zwei Wochen nach diesem Stichtag ist aus dem Bun­des­gesund­heits­ministerium jetzt zu hören, dass "bereits 290 von 400 Gesundheitszentren" Sormas "installiert" hätten. Doch selbst diese etwas verdrehte Meldung zum Nichterreichen der selbstgesteckten Ziele bleibt weit hinter dem zurück, was sich in den Gesundheitsämtern tatsächlich abspielt.

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So hatte das ARD-Politikmagazin Kontraste alle 400 Gesundheitsämter angeschrieben und nach dem Status des Sormas-Rollouts befragt. Das Ergebnis: Aktuell geben in Deutschland lediglich 90 Gesundheitsämter an, tatsächlich mit der Software zu arbeiten. Ansonsten be­fin­det sich das Programm bei den allermeisten Ämtern lediglich im "Testbetrieb" - hier ist nicht abzusehen, wann eine Einführung in den Betriebsalltag erfolgt. Und damit fällt einer der wich­tig­sten Vorteile der Software aktuell weg: die effektive, digitale Vernetzung aller Gesundheitsämter.

Kein Support

Ein genauer Blick auf die Sachlage lässt dann auch wenig Hoffnung aufkommen, dass sich die Einführung plötzlich beschleunigen wird, da viele Faktoren für eine fundamentale Fehl­pla­nung sprechen. Wie Kontraste ermittelt, ist für die 400 Gesundheitsämter in Deutsch­land beim zuständigen Helmholtz-Zentrum ein Rollout-Team von fünf Mitarbeitern vor­ge­se­hen. Für Nachfragen wurde eine Hotline eingerichtet, die mit "einer einzigen Person" besetzt ist.

Aktuell sprechen alle Fakten dafür, dass es beim Bundesgesundheitsministerium keine Be­stre­bun­gen gab, ein umfassendes Konzept für die Ein­füh­rung zu entwickeln. So hatte unter an­de­rem die IT-Managerin Anke Sax, selbst er­fah­ren durch Software-Rollouts in großen Un­ter­neh­men, zusammen mit der Björn-Stei­ger-Stif­tung schon im vergangenen Jahr ein ent­spre­chen­des Kon­zept vor­ge­legt. Kostenschätzung: Acht Mil­li­o­nen Euro. Eine Umsetzung war ohne An­ga­be von Grün­den nicht erfolgt. "Ich würde mir wün­schen, dass das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­um ein bisschen mehr Verantwortung übernimmt", so Sax gegenüber Kontraste.

Ganz prinzipiell kaputt

Und auch beim Blick auf technische Hürden zeigen sich ungeahnte Tiefen. Die größten Probleme haben viele Gesundheitsämter an den Schnittstellen zwischen alter und neuer Software. Meldungen zu Infektionskrankheiten an das Robert Koch-Institut müssen über SurvNet erfolgen - eine Software aus den 1990er-Jahren. Schon seit einem Jahr ist bekannt, dass die Schnittstelle zu Sormas nicht funktioniert. IT-Experte Achim Löbke, mit­ver­ant­wort­lich für die Entwicklung, findet hier klare Worte: "Das Programmieren dieser Schnitt­stel­le bricht uns das Genick." Eine der absurden Konsequenzen: Ämter, die Sormas bereits nutzen, müssen Daten händisch zurück zu SurvNet übertragen.

Laut Kontraste kommt es an dieser entscheidenden Schnittstelle aber nicht nur zu tech­ni­schen Reibungen. So würden Insider "hinter vorgehaltener Hand" darüber berichten, dass das RKI Sormas aktiv "boykottiert", da es als Konkurrenz zur eigenen Software wahr­ge­nom­men werde. Löbke sieht hier aktuell nur noch eine Chance, diese umfassenden Probleme zu lösen: Eine Anweisung des Bundesgesundheitsministeriums an das RKI, die die Annahme von Corona-Meldungen aus Sormas anordnet.
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