Ex-Facebook-Manager: Wir haben agiert wie die Tabak-Industrie

Von Christian Kahle am 25.09.2020 13:38 Uhr
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Facebook gerät hinsichtlich seines Images als Social Network immer weiter unter Druck. Auch jüngste Aussagen eines früheren Managers bestärken eher jene Kritiker, die die Plattform gern mal als antisoziales Netzwerk bezeichnen.

Tim Kendall, der in der frühen Phase bis zum Jahr 2010 dafür verantwortlich war Ein­nah­me­quel­len für Facebook zu erschließen, sagte auf einer Anhörung des US-Kongresses aus, mit der untersucht werden sollte, welche Rolle solche Angebote dabei spielen, radikalisierende Inhalte salonfähig zu machen. Der ehemalige Manager ist inzwischen nicht mehr gewillt, ein gutes Haar an seinem damaligen Arbeitgeber zu lassen, wie aus einem Bericht von Ars Technica hervorgeht.

Im Grunde, so führte er aus, habe man sich an der Tabak-Industrie orientiert und versucht, das Angebot so suchterzeugend wie möglich zu gestalten. Die Tabakbranche hätte bei­spiels­wei­se gezielt daran geforscht, wie sie Raucher stärker abhängig vom Nikotin machen kann. Und auch bei Facebook sei es vor allem darum gegangen. Die Nutzer sollten so viel wie möglich ihrer Aufmerksamkeit auf der Plattform lassen.

Engagement ist alles

Mit den Likes, dem Foto-Tagging und ver­schie­de­nen anderen Maßnahmen sollte das Streben nach einer wachsenden Reputation aus der Plattform vorangetrieben werden. Aber es ging auch darüber hinaus. Wie die Tabak-Industrie dafür sorgte, dass der Rauch milder wurde, so tiefer in die Lunge gelangte und mehr Nikotin ins Blut wechselte, hat es bei Facebook gewirkt, wenn man bei der Verbreitung von Fake-Informationen und Verschwörungstheorien nicht so genau hinsah.

Das so genannte "Engagement" war demnach die wichtigste Kenngröße, von der alle Ent­schei­dun­gen bei Facebook bestimmt waren. Dabei handelt es sich um einen Messwert, der aussagt, wieviel Aufmerksamkeit eines Users man binden kann. Eine starke Polarisierung ist dabei hilfreich, da sich darüber wieder mehr Anwender herausgefordert fühlen, mit eigenen Ansichten dagegenzuhalten. Entsprechend wenig Interesse hat Facebook daran, dass die Nutzer wirklich möglichst sozial miteinander umgehen. Eingegriffen wird möglichst erst, wenn man sich selbst juristisch angreifbar macht.

"Letztendlich haben wir unsere kollektive Übereinkunft untergraben", sagte Kendall. Ins­be­son­de­re auf dieser Plattform - aber durchaus auch anderen Netzwerken - ist der Um­gangs­ton immer rauher geworden und es gibt nahezu keine Grenzen mehr. "Ich befürchte, dass wir uns dadurch an den Rand eines Bürgerkrieges bringen", lautete das Fazit des Ex-Facebook-Managers.

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