Schimmel aus Tschernobyl-Reaktor wird als ISS-Strahlenschutz getestet

Von John Woll am 27.07.2020 17:15 Uhr
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Strahlenschutz ist auf der Erde, aber auch für die Raumfahrt, ein wichti­ges Forschungsfeld. Jetzt gibt es einen Versuch, der sich das Label kurios wirklich verdient hat: Auf der Internationalen Raumstation wird Schimmel aus dem Tschernobyl-Reaktor als Schutz vor Strahlung getestet.

Der Schimmel, der sich von Strahlung ernährt, soll davor schützen können

Dass in Schimmel noch viel mehr steckt als eine Zutat für besonderen Käse, hatte die Ent­de­ckung von Penicillin eindrucksvoll bewiesen. Eine Studie beleuchtet jetzt die Möglichkeit, mit Schimmel ein weiteres großes Problem lösen zu können: Strahlenschutz. Die kuriosen Rah­men­be­din­gun­gen der wissenschaftlichen Arbeit: Ein Schimmelpilz, der rund um den Reaktor in Tschernobyl gefunden wurde, zeigt sich als gutes Werkzeug zur Absorption von Strahlung und muss sich jetzt für diesen Zweck auf der Internationalen Raumstation bewähren.

Strahlenschutz mit Schimmel
Cladosporium sphaerospermum: Der Pilz, der gerne Strahlung frisst

Die Grundidee basiert auf dem Phänomen der Radiosynthese, die 1956 erstmals beobachtet worden war, bis heute aber nicht ganz verstanden ist. Während bei der Photosynthese sicht­ba­res Licht in chemische Energie umgewandelt wird, beherrschen Lebewesen, die Ra­dio­syn­these betreiben, offenbar die Fähigkeit, ionisierende Strahlung zu verstoffwechseln. Basis bil­det hier das Pigment Melanin, das Strahlung absorbieren kann. Ein Ort, an dem solche Le­be­we­sen in Mas­sen vorkommen: die Wand des Unglücksreaktors in Tschernobyl.

In ihrer Untersuchung wollen die ame­ri­ka­ni­schen Wissenschaftler Graham K. Shunk und Xavier R. Gomez laut Techexplorist das Po­ten­zial des Schimmelpilzes "Cladosporium sphae­ro­sper­mum" erproben, als wachsender Strah­lungs­schutz für Weltraummissionen zu dienen. Schon im Dezember 2018 wurde dafür eine ent­spre­chen­de Versuchsanordnung an der Au­ßen­sei­te der ISS angebracht. Das Ergebnis: Eine Schicht des Pilzes von 21 cm auf der Au­ßen­sei­te der Raum­sta­tion würde fast 100 Prozent der Strahlung am Eindringen hindern.

Auf dem Mars im Einsatz

Die weiterführende Idee von Shunk und Gomez: Bei einer potenziellen Marsmission könnte der Schimmelpilz in die Außenwände integriert und so als Strahlungsschutz genutzt werden - bei einem Bruchteil der benötigten Energie für Transport oder Gewinnung anderer Stoffe. Dafür müssten aber diverse technische Hürden wie die Versorgung mit Wasser geklärt wer­den. Auch die Möglichkeit, das Melanin zu extrahieren und in Stoffe und Materialien ein­zu­ar­bei­ten bringen die Studien-Macher ins Spiel.

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