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Windows 10 auf Snapdragon ARM-Laptops: Darf man Microsoft glauben?

Von Roland Quandt am 06.12.2017 15:22 Uhr
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Microsoft und Qualcomm haben sich viel Zeit gelassen, aber seit gestern trommeln die Konzerne kräftig für die ersten Laptops und Tablets mit einem Snapdragon ARM-Prozessor und Windows 10 S - ohne einige entscheidende Details zu nennen. Viel von dem was Microsoft vor geraumer Zeit versprach, könnte sich daher als reines Marketing-Gelaber entpuppen.

Mit dem HP Envy X2 und dem ASUS NovaGo TP370QL wurden gestern die ersten beiden kommerziell verfügbaren Geräte vorgestellt, die ab Frühjahr 2018 mit Windows 10 bzw. Windows 10 S und einem Qualcomm Snapdragon 835 auf den Markt kommen sollen. Viel wurde dabei versprochen, darunter extrem lange Akkulaufzeiten und zuvor auch, dass man "fast alle Windows-Programme" ohne weiteres nutzen könne, wie man es von Windows 10 auf x86-Prozessoren von AMD & Intel kennt.

Microsoft optimiert Emulation nur für bestimmte Apps

Liest man die Pressemitteilungen der Hersteller genauer und gräbt sich ein wenig durch die Berichterstattung, wird schnell klar, dass einige entscheidende Fragen noch lange nicht geklärt sind. Dies betrifft zum einen die Leistungsfähigkeit und den Energieverbrauch der neuen Geräte sowie andererseits die Frage, ob wirklich "alle Windows-Programme" auf den ARM-basierten Geräten laufen können.

Windows 10 PCs mit ARM-Prozessor - Alle Details & Demo-Video
Als Microsoft Windows 10 auf ARM-CPUs erstmals in Aktion zeigte, war unter anderem Photoshop als Beispiel zu sehen und die Entwickler aus Redmond sprachen in ihrer Session während der BUILD 2017 sogar davon, dass man dank der effektiven Emulation sogar in der Lage sein werde, praktisch alle Windows-Anwendungen auf den Qualcomm-basierten Laptops zu nutzen.

In ASUS' Pressemitteilung zu seinem ersten derartigen Laptop findet sich allerdings eine pikante Anmerkung, die bereits andeutet, dass es wohl doch nicht ganz so einfach sein könnte. Da heißt es nämlich, dass man "Unterstützung für die populärsten verfügbaren Apps" bieten wolle. Außerdem werde "jede Anwendung für ARM-basierte Windows-Laptops von Microsoft auf Kompatibilität, Sicherheit und Schutz (des Nutzers) geprüft", um so die sicherste jemals entwickelte Windows-Version zu bieten.

Optimierung erstmal nur für gut 100 Anwendungen

Microsoft ließ gegenüber Microsoft-Spezialistin Mary Jo Foley ähnliches anklingen, denn ihr zufolge sei die Emulation für Win32-basierte Apps nur dann sinnvoll nutzbar, wenn zuvor eine Optimierung durch die Redmonder erfolge. Man werde die Emulation "für die meistgenutzten Apps zuerst" optimieren und dann im Lauf der Zeit die Zahl der Anwendungen, bei denen die Emulation gute Ergebnisse liefere, ausbauen. Anfangs gelte dies für rund 100 der populärsten Anwendungen.

Der Kunde hat also effektiv keine Garantie, dass eine ihm von seinem x86-Laptop bekannte Anwendung auch auf einem ARM-Gerät mit Snapdragon-Prozessor gut oder überhaupt läuft, sondern muss hoffen, dass Microsoft die entsprechenden Optimierungen schon vorgenommen hat. Zuvor war stets davon die Rede, dass es sich einfach nur um Windows 10 in seiner Reinform handele und somit eine Kompatibilität fast uneingeschränkt gewährleistet sei. Ganz offensichtlich ist dem aber nicht so.


Leistung auf dem Level von Einsteiger-Notebooks

In Sachen Leistung und Laufzeit muss man die Aussagen der Hersteller natürlich ebenfalls auf den Prüfstand stellen. In den letzten Wochen tauchten vor der gestrigen Präsentation der neuen Geräte bereits mehrfach Benchmarks auf, in denen sowohl das HP Envy X2 als auch das ASUS NovaGo jeweils Resultate lieferten, die mindestens ein Drittel unter den Werten aktueller Top-Smartphones lagen, die ebenfalls mit Snapdragon 835-SoC ausgerüstet sind. Natürlich sind die Werte nicht viel wert, schließlich geht eben doch einige Leistung für das nur als normale Win32-Software vorliegende GeekBench drauf.

Generell bewegen sich die Resultate aber selbst optimistisch betrachtet "nur" auf dem Niveau der Low-End-Prozessoren aus Intels "Braswell"-Serie, die gemeinhin als Celeron vermarktet werden und in diversen günstigen Laptops zum Einsatz kommen. Viel mehr Performance als bei einem günstigen Einsteiger-Laptop dürfte also auch von den Snapdragon-basierten Geräten nicht geboten werden.


Angebliches Laufzeitwunder

Hinzu kommt die Frage nach der Akkulaufzeit - Microsoft und Qualcomm sowie ASUS und HP sprechen jeweils von 20 und 22 Stunden, wobei dies im Kleingedruckten schnell auf die durchgehende Videowiedergabe bei reduzierter Display-Helligkeit beschränkt wird. Im Alltag dürften daraus schnell "nur" rund 10 Stunden werden. Angesichts eines üppig dimensionierten 52-Wattstunden-Akkus in ASUS' erstem ARM-Laptop und dem eigentlich gemeinhin als sparsam betrachteten Qualcomm-Chip scheint dies dann doch nicht unbedingt überwältigend, schließlich erreichen manche x86-Geräte durchaus ähnliche Werte.

Der Snapdragon 835 ist zwar ein ARM-SoC, wird aber beim Betrieb unter Windows 10 wohl doch kräftig belastet, um neben dem System auch noch die Emulation zu stemmen. Dass dabei Optimierungsbedarf besteht, überrascht wohl kaum. Hinzu kommt, dass ASUS den Chip sogar leicht übertaktet, von maximal 2,45 auf 2,6 Gigahertz, um so mehr Leistung herauszukitzeln. Betrachtet man Messungen zur Leistungsaufnahme, die bei Smartphones mit dem Snapdragon 835 durchgeführt wurden, so benötigte dieser teilweise mehr als vier Watt, was ihn längst nicht so sparsam erscheinen lässt, wie uns die Marketing-Bemühungen der Partner glauben lassen wollen. Auch in dieser Hinsicht bewegt sich der Chip also durchaus auf dem Niveau der sparsameren Versionen von Intels Low-End-SoCs.

Letztlich gibt es also noch diverse Ungereimtheiten, was Windows 10 auf ARM-basierten Geräten angeht. Performance-Wunder sind wohl ausgeschlossen und auch in Sachen Laufzeit ist, nicht anders als bei allen derartigen Angaben der Hersteller, einige Vorsicht geboten. Noch dürfte also einiges an Überzeugungsarbeit nötig sein, bevor die Kunden wirklich zu ARM-Laptops mit Windows 10 greifen. Auch muss sich erst in "Real-Life"-Tests zeigen, ob all die Versprechungen auch wirklich glaubhaft sind.
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